Update Nutri-Score

Update zu den aktuellen Entwicklungen rund um das Nutri-Score-System.

Italien:

Die italienische Wettbewerbsbehörde AGCM hat nach einer Untersuchung von fünf Unternehmen in Folge einer von Confagricultura eingereichten Beschwerde gegen Carrefour (u.a. aus Italien: Carrefour Italia, Pescanova Italia; aus Frankreich: Regime Dukan, Diet Lab; aus UK: Weetabix Ltd.) am 04.08.2022 bekannt gegeben, dass Nutri-Score in Italien nicht ohne einige Warnhinweise für die Verbraucher verwendet werden darf, und verpflichtete Carrefour und andere Händler, die die französische Nährwertkennzeichnung verwenden, die Nutri-Score-Kennzeichnung auf ihren in Italien verkauften Produkten zu entfernen.

Begründung:

  • Nutri-Score könne Verbraucher bei der Auswahl von Lebensmitteln in die Irre führen, da die willkürliche Einstufung von Lebensmitteln durch Nutri-Score zu einer Voreingenommenheit bei der Beurteilung von Lebensmitteln führt.

  • Solange es keine europäischen Rechtsvorschriften in dieser Hinsicht gebe, könne eine Kennzeichnungsmethode nicht gegenüber einer anderen bevorzugt werden.

Folge für Unternehmen:

Diejenigen, die den Nutri-Score verwenden wollen, sind künftig verpflichtet, auf Plakaten in den Geschäften, auf Regaletiketten, auf ihren Websites oder auf der Produktkennzeichnung (auch über QR-Codes) darauf hinzuweisen, dass das Ampelsystem auf der Grundlage eines Algorithmus und wissenschaftlicher Bewertungen entwickelt wurde, die nicht allgemein anerkannt und geteilt werden.

Ferner müsse bei Verwendung des Nutri-Score angegeben werden, dass das System die Bedürfnisse und das Ernährungsprofil des Einzelnen nicht berücksichtigt und es sich auf 100 Gramm eines Produkts und nicht auf eine Verzehrsmenge beziehe.

Angesichts der Entscheidung der Behörde erklärte Carrefour Italia, dass es "das Nutriscore-Label nicht auf Eigenmarkenprodukten, die Carrefour Italia bei seinen Lieferanten in Auftrag gegeben hat und die in Italien oder im Ausland vermarktet werden, auf Produkten mit geografisch geschütztem Ursprung, auf Produkten der italienischen gastronomischen Tradition (Wurstwaren, Käse, Olivenöl) unabhängig vom Herstellungsort (Italien oder Ausland) und auf Produkten der Marke Terre d'Italia anwenden wird“.


Rumänien:

Die rumänische Verbraucherbehörde ANPC hat die Lebensmittelhändler aufgefordert, das Nutri-Score-System nicht mehr zu verwenden. Dies sei nicht korrekt und irreführend für die Verbraucher. Eine offizielle Entscheidung wurde bislang nicht veröffentlicht.

Der rumänische Verband großer Einzelhändler-Netzwerke (AMRCR) hat die Behörde um Erlaubnis gebeten, dass Händler weiter mit Nutri-Score gelabelte Produkte vertreiben können, da die nationale Gesetzgebung dies bislang nicht verbiete. Parallel wurden erste Gespräche mit der Behörde zur Verbesserung der Verbraucherkommunikation bezüglich Nährwertkennzeichnungssystemen geführt.

Andere Mitgliedstaaten gegen das Nutri-Score-System: Zypern, Tschechien, Griechenland, Ungarn und Lettland


Aktivitäten der Nutri-Score-Länder:

Das wissenschaftliche Gremium der Nutri-Score-Länder (Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Spanien und Schweiz) hat am 29.07.2022 eine Überarbeitung des zugrunde liegenden Algorithmus angekündigt.

Der Nutri-Score Lenkungsausschuss hatte zuvor den Ende Juni 2022 vorgelegten Bericht des wissenschaftlichen Ausschusses mit Vorschlägen zu einer Kombination von Änderungen am Algorithmus für feste Lebensmittel angenommen. Dieser Bericht soll Ende 2022 durch einen weiteren Bericht über den Algorithmus für Getränke ergänzt werden.

Ziel ist, die Bewertungen des Nutri-Score stärker an die lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen anzupassen und den vorgetragenen Anliegen der Interessensgruppen (Verbraucher-, Gesundheitsorganisationen, Lebensmittelwirtschaft) Rechnung zu tragen.

Im Einzelnen werden folgende Anpassungen vorgeschlagen:

  • Verbesserte Klassifizierung von Ölen mit geringem Gehalt an gesättigten Fettsäuren (Oliven-, Walnuss-, Rapsöl)

  • Verbesserte Klassifizierung von fetthaltigem Fisch

  • Verbesserte Differenzierung zwischen gesüßten und nicht gesüßten Milchprodukten und Käsesorten

  • Verbesserte Differenzierung zwischen Lebensmitteln anhand des Zucker-/Salzgehalts

  • Verbesserte Differenzierung zwischen ballaststoffreichen und -armen Produkten

  • Neue Regelungen für rotes Fleisch und Fleischprodukte


Frankreich:

In Frankreich positionieren sich die Befürworter und Gegner des Nutri-Score. Einerseits fordern die Vertreter der Landwirtschaft eine Ausnahme von traditionellen Produkten mit geografisch geschütztem Ursprung mit dem Hinweis auf nicht veränderbare traditionelle Herstellungsmethoden.

Andererseits hat die französische Verbraucherschutzorganisation UFC Que Choisir eine Studie zum Nutri-Score und seiner positiven Ergebnisse veröffentlicht und der EU-Kommission übermittelt (https://www.quechoisir.org/action-ufc-que-choisir-enquete-de-l-ufc-que-choisir-sur-les-aliments-traditionnels-le-nutri-score-meilleure-illustration-de-la-qualite-nutritionnelle-de-notre-patrimoine-culinaire-n100652/). Darin wurden Stichproben von 588 Produktreferenzen gesammelt, die 310 für ihre Region typische Lebensmittel abbilden. Die Ergebnisse zeigen, dass die traditionellen französischen Produkte keineswegs systematisch schlecht bewertet werden, sondern sich im Gegenteil über alle Klassen des Nutri-Score verteilen. Eine große Mehrheit der traditionellen Lebensmittel erhält einen günstigen Nutri-Score.

Nächste Schritte:

  • Nach öffentlicher Konsultation und wissenschaftlichem Input von EFSA arbeitet die Kommission derzeit an einer Folgenabschätzung verschiedener politischer Optionen.

  • Nach der Sommerpause erwartet: Veröffentlichungen der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) der EU-Kommission (Übersicht einschlägiger wissenschaftlicher Literatur zu Verbraucherverständnis Herkunftsangaben, Einfluss auf Einkaufsverhalten, digitale Informationswege, etc.)

  • Tschechische Ratspräsidentschaft: wissenschaftliche Konferenz zu harmonisierter Nährwertkennzeichnung und ihrer Wirkung auf nachhaltige Lebensmittelsysteme (November 2022)

  • Kommissionsvorschlag Überarbeitung LMIV (Ende 2022)

Christina Paraschiv